Der Comedor Wisllita, unser Projekt in Pampahasi

 


Es war eine spannende Fahrt, die wir von der Bolivien-AG im Sommer 2002 unternahmen: Seit vielen Jahren hatten wir eine Partnerschaft mit der Schule Delia Gambarte de Quezada, zu der der Comedor Wisllita gehört, aber seit Herr Bollmann das Projekt bei einer Gesamtkonferenz im Jahre 1983 vor-gestellt hatte, war niemand von unserer Schule dort gewesen, hatten wir nur auf Fotos gesehen und in den Berich-ten von Mercedes gelesen, was mit unseren Spendengeldern passiert war und wie sich Schule und Comedor entwickelt hatten. Die Partnerschaft sollte also zum ersten Mal durch direk-te persönliche Begegnung erlebt wer-den – ein spannender Moment für beide Seiten!

In Damme hatten sich Lena Stöver, Stefanie Graw und Susanne Wehming auf die Reise vorbereitet; sie hatten nicht nur Spanisch gelernt, sondern auch etliche Impfungen und Vorberei-tungsgespräche auf sich genommen und waren ganz aufgeregt, als es end-lich los ging.

In La Paz waren die Vorbereitungen ebenfalls auf Hochtouren gelaufen, damit die Gäste aus Damme gebührend empfangen werden konnten: Mercedes und die anderen Mitarbeiterinnen des Comedors hatten zunächst eine beein-druckende Begrüßungsfeier vorberei-tet. Eltern waren gekommen, und die Kinder führten in bunten Kostümen traditionelle Tänze vor, sagten Gedich-te auf und sangen Lieder. Wir kamen uns fast vor wie auf einem Staatsemp-fang und konnten kaum fassen, dass dieses ganze Programm uns gelten sollte! Es drückte ganz viel Wertschät-zung aus für unsere Arbeit und Dank für die Unterstützung, die das Gymna-sium Damme der Schule Delia Gam-barte und dem Comedor im Laufe von mittlerweile 20 Jahren geben konnte.

Ich möchte hier einige von den Eindrücken weitergeben, die ich bei unse-ren Partnern in La Paz gewinnen konn-te.

Zunächst zur Schule: Aus den kleinen Anfängen, die Herr Bollmann in einem Bericht in einem früheren Jahrbuch schilderte, ist ein großer und erfolgrei-cher Schulbetrieb geworden.
Etwa 1400 Schülerinnen und Schüler besuchen die Schule von der 1. Klasse bis zum Abschluss. Da es nur 19 Klas-senräume gibt, wird nach wie vor im Zwei-Schicht-Betrieb unterrichtet, vormittags von 29 und nachmittags von 25 Lehrer/innen. Die Klassenräu-me sind vergleichsweise klein, das Mobiliar ist von den Eltern selbst ge-schreinert, die Unterrichts-materialien sind alle selbst hergestellt oder auch gesammelt: gezeichnete Landkarten, aus Styropor ausgesägte Modelle, z.B. von pflanzlichen und tierischen Zellen, Kronkorken statt Rechenmaschinen, ... Für den gesamten naturwissenschaftli-chen Unterricht gibt es einen einzigen Fachraum, der mit 6 Mikroskopen und einigen Reagenzgläsern ausgestattet ist. Eine von den Eltern gebaute Turn-halle, ein Schotter-Fußballplatz und ein Basketballkorb auf dem Schulhof ermöglichen Sportunterricht. Zusätz-lich gibt es zwei Mehrzweckräume, Sanitäranlagen und ein Trinkwasserbe-cken, so dass die Schüler/innen in der Schule sauberes Trinkwasser haben. Das ist keine Selbstverständlichkeit, denn ver-schmutztes Trinkwasser ist immer noch der wichtigste Grund für die hohe Kindersterblichkeit in den Armen-vierteln von La Paz und bei der indigenen Bevölkerung des Altiplano. Was die Schule der armen Bevölke-rung bedeutet, können ein paar Wand-sprüche verdeutlichen, die wir
dort lesen konnten: El colegio es nuestro segundo hogar – Die Schule ist unsere zweite Heimat; oder: La cultura libera a los pueblos - Kultur und Bil-dung befreien das Volk. Hier drückt sich die Hoffnung der Menschen auf ein besseres Leben aus: Wenn die Kinder zur Schule gehen und lernen können, haben sie die Chance, sich aus dem Teufelskreis der Armut zu befrei-en und ein menschenwürdiges, selbst-bestimmtes Leben führen zu können. Zur Arbeit in der Schule gehört auch Gesundheitserziehung, und das fängt bei der täglichen Hygiene an: In den Klassenräumen hängen für jeden Schü-ler Hygienebeutel mit Zahnbürste, Zahnpasta, Seife und Handtuch, damit die zu Hause fehlenden Möglichkeiten (kein fließendes Wasser, kein Bad, keine Elektrizität) ausgeglichen wer-den können. Als ich diese Beutel sah, verstand ich auch den Spruch, dass die Schule die zweite Heimat der Schü-ler/innen ist! Dann zum Comedor: Im sozialen Brennpunkt Pampahasi ist es nicht ausreichend, eine Schule zu bau-en, die Kinder müssen auch die Mög-lichkeit haben, ihre Defizite aufzuar-beiten, und das ist das Ziel des Come-dors: diesen benachteiligten Kindern eine echte Chance zu geben. Das ge-schieht in unterschiedlichen „Projek-ten“:Kern ist nach wie vor die Schul-speisung für 80 der bedürftigsten Kin-der; dahinter steht die Erkenntnis, dass Hunger und Mangelernährung auch Schäden in der geistigen Entwicklung verursachen und die Lernfähigkeit deutlich reduzieren. So arbeiten drei Frauen in der Küche des Comedors und bekochen diese 80 von Mercedes ausgewählten Kinder. Dafür reichen 200 Dollar in der Woche. Die Wohnsi-tuation und die Armut der Familien macht einen zweiten Bereich notwen-dig: Hausaufgabenbetreuung und Nachhilfeunterricht, besonders in Ma-thematik, denn zu Hause haben die meisten Kinder keine Möglichkeit, ihre Hausaufgaben zu erledigen; Der Co-medor bietet dafür einen Raum an und hat sogar einen Mathe-Lehrer, der bei Lernschwierigkeiten Hilfe anbietet.

Es hat sich gezeigt, dass viele der Kinder bei ihrem Einschulungstermin nicht schulreif sind. Auch auf diese Situation hat der Comedor reagiert und eine Vorschul-Kindergartengruppe ein-gerichtet, die die Kinder auf die Schule vorbereiten soll, damit sie nicht von vornherein in der Schule zum Schei-tern verurteilt sind. Hier werden moto-rische Fähigkeiten geschult, das Ler-nen trainiert und soziales Verhalten in der Gruppe eingeübt. 35 Kinder kön-nen in diese Gruppe aufgenommen werden – viel zu wenig, meint Merce-des, aber es fehlen die räumlichen und finanziellen Mittel, um eine weitere Gruppe aufbauen zu können.

Die Kinder und Jugendlichen, die im Comedor Hilfe finden, sollen nicht zu Almosenempfängern werden. Deshalb „arbeiten“ sie in der Kunsthandwerk-stätte. Sie stellen zum Beispiel Karten, Kalender und Taschen her, die dann verkauft werden – auch hier bei uns. Das so erwirtschaftete Geld wird für die Arbeit des Comedors verwendet, so dass die Kinder selbst etwas zum Un-terhalt beitragen können.
Der ganze Stolz des Comedors ist seine Bibliothek mit dem kleinen Ar-beitsraum. Der Bestand von etwa 2000 Büchern ist das, was im weiten Um-kreis überhaupt zugänglich ist und wird entsprechend nicht nur von den Schüler/innen von Delia Gambarte genutzt. Hier wird die Möglichkeit geboten, sich weiter zu bilden und zu lernen.

Der Versammlungsraum im Erdge-schoss ist auch eine Art Jugendtreff, der den Jugendlichen ein Freizei-tprogramm anbietet. Hier steht übri-gens auch der einzige Fernseher weit und breit, und der größte Wunsch war es, ein neues, größeres Gerät anschaf-fen zu können, damit man z.B. bei Sportsendungen auch in der letzten Reihe noch was erkennen kann! Der Schwerpunkt der Jugendarbeit liegt im Suchtpräventionsbereich. Wir konnten an einem Tag die Vorführung eines selbst geschriebenen und einstudierten Theaterstücks sehen, in dem es um die Folgen von Alkohol- und Drogen-missbrauch geht. Dabei war deutlich spürbar, dass die Jugendlichen nicht ein theoretisches Problem behandelten, sondern ihre eigene Lebens-wirklichkeit.

Diese Lebenswirklichkeit in Pampa-hasi bedeutet: Alkoholismus, Drogen, Kriminalität, Misshandlungen und Vergewaltigungen. Besonders am Wochenende, wenn die Männer, die Arbeit haben, ihre Lohntüte bekom-men und in Alkohol umgesetzt haben, kommt es immer wieder zu gewalttäti-gen Übergriffen auf Frauen und Kin-der, wenn die Männer betrunken und ohne Geld nach Hause kommen. Des-halb ist der Samstag im Comedor El-terntag, und das bedeutet in der Regel: Frauentag. Auch hier versuchen die Mitarbeiterinnen zu helfen und zu beraten, um die Situation in den Fami-lien zu entspannen und erträglich zu machen.

Diese unterschiedlichen Arbeitsbe-reiche des Comedors sind Versuche, mit den eigenen begrenzten Mög-lichkeiten soziale Gerechtigkeit zu verwirklichen und besonders den Kin-dern eine Chance für eine bessere Zukunft zu bieten.

Ich bin sehr beeindruckt von dieser Arbeit und halte sie für wirklich not-wendig im wörtlichen Sinn. Deshalb hat mich dieser Besuch auch davon überzeugt, dass die „blinde“ Ent-scheidung, Delia Gambarte und den Comedor Wisllita zu unserem Partner zu machen, sich auch bei näherer Be-trachtung als richtig erweist. Ich hoffe und wünsche, dass diese Partnerschaft noch lange weiter besteht und danke allen, die sich immer wieder für die Unterstützung dieser Arbeit engagie-ren!

Sigrid Litzenburger 2002