Bericht über den Besuch des Projektes PAMPAHASI
am 17. August 2000

 

1. Vorstellung meiner Person
Mein Name ist Jan-Dirk Kleine Holthaus, ich bin 24 Jahre alt und studiere in Münster Jura. Ich komme gebürtig aus Damme, wo auch ein Großteil meiner Verwandtschaft lebt und habe 1995 am Allgemeinen Gymnasium in Lohne mein Abitur gemacht. Im letzten Jahr (Winter-
Semester 2001) habe ich im spanischen Pamplona über das Sokrates/Erasmus-Programm
(Studienaustauschprogramm der EU) Jura studiert und wollte danach in den Monaten Juli bis August ein sechswöchiges Anwaltspraktikum in La Paz absolvieren, um meine Sprachkenntnisse zu vertiefen. Mein Vater von der Oldie-Band FAIR PLAY brachte mich dann auf den Gedanken, mich mit Frau Litzenburger in Verbindung zu setzen, um eventuell über das Projekt PAMPAHASI und dessen Entwicklung vor dem Dammer Gymnasium zu berichten. Dies war dann nach einem Treffen mit der Bolivien-AG im April 2000 auch beschlossene Sache.
Die Oldie-Band FAIR PLAY, die für gemeinnützige Zwecke (vor allem "Sportler gegen Hunger", Litauen und Ukraine) spielen, möchte mit dem Gymnasium Damme auch eine Veranstaltung zugunsten des Projekts PAMPAHASI organisieren.

2. Bolivien
Um einen umfassenden Eindruck zu geben und um zu zeigen, wo die Armut dieses Landes herrührt, werde ich hier zunächst kurz auf Bolivien und dessen Geschichte in generellen eingehen:
Um 1400 n.Chr. wurde das Inkareich gegründet, das sich in der Mitte des 16. Jahrhunderts von Ecuador 4000 km bis nach Chile erstreckte, das heutige Bolivien also das Zentrum bildete. Bevor die Europäer nach Südamerika kamen, hatte der Kontinent um die 20 Mio. Einwohner. Der Spanier Francisco Pizarro besiegte dann in nur zwei Jahren mit nur 150 Mann die Inka und eroberte ihr Reich, um den Inka-Schatz in Besitz zu bekommen (technische Überlegenheit durch Feuerwaffen). Die Conquistadoren (Spanier und Portugiesen) haben Südamerika in dieser Zeit systematisch ausgebeutet, um die Bodenschätze (Zinn, Kupfer, Gold, Silber, usw.) nach Spanien und Portugal zu bringen. Erst Anfang des 19. Jahrhunderts erhoben sich die Bewohner und Statthalter Südamerikas von den republikanischen Ideen der Revolutionen in Nordamerika und Frankreich und vom Willen der Abschaffung der Handelsbeschränkungen durch die Spanier geleitet gegen die Spanier, die durch Napoleon in Europa geschwächt waren. Bolivien wurde von dem berühmten Freiheitskämpfer Simon Bolivar befreit, zu dessen Ehren das Land seinen Namen trägt. In der Folgezeit war Bolivien in zahlreiche Grenzkonflikte verwickelt, wobei die daraus resultierenden Kriege mit Chile (Pazifikkrieg 1879 - 1883), Brasilien (1903) und Paraguay (Chacokrieg 1932) Bolivien großflächiges, bodenschatzreiches Territorium abverlangten (ca. die Hälfte). Die Staatsgründung 1825 stürzte das Land in eine scheinbar endlose Serie einander ablösender Militärregierungen, wobei sich zunächst wenige einflussreiche spanischstämmige Familien dort abwechselten, was nachher Militärdiktatoren machten. Erst seit 1982 ist Bolivien ein demokratischer Staat, was die seit 1995 gültige Verfassung garantiert, und seit 1997 regiert der demokratisch gewählte Präsident Hugo Banzer Suarez, der allerdings auch ehemaliger Diktator ist. Dem Bruttosozialprodukt zufolge ist Bolivien eines der ärmsten Länder Südamerikas. Kindersterblichkeit, hohe Arbeitslosigkeit und Korruption sind an der Tagesordnung, wobei der Beitritt Boliviens zur südamerikanischen Handelsorganisation Mercosur und einige Reformen Anlaß zu vorsichtigem Optimismus geben. Ein weiteres Problem in Bolivien ist der Kokainhandel, der zu den Haupteinnahme-quellen gehört. Vor allem die USA bemühen sich mit erheblichem finanziellem Aufwand und mit starker Einflußnahme um die Bekämpfung des Drogenhandels. Hervorzuheben ist noch, dass Bolivien das Land mit dem höchsten Anteil indigener Bevölkerung ist (60% Indiginas, Aymaras, Ketschuas, 30% Mestizen und 10% Weiße), was dazu beitrug, dass sehr viele alte kulturelle Bräuche bis heute überlebt haben.

3. Pampahasi und die Schule "Delia Gambarte de Quezada"
Pampahasi ist ein Elendviertel im Vorstadtgürtel von La Paz, wo rund 25 000 Menschen leben, die größtenteils vom Altiplano mangels Arbeit dorthin wanderten. Als dies in den siebziger Jahren geschah, waren dort elementare Dinge wie Wasser, Strom, Kanalisation usw. nicht vorhanden. Pampahasi teilt sich in drei Zonen (Hoch-, Mittel- und Niederpampa-hasi), wo es bis zur Gründung der Schule DELIA GAMBARTE DE QUEZADA lediglich eine von der Nationalpolizei gegründete Schule namens "24. Juni" für nur knapp 600 Schüler/innen gab, was zur Folge hatte, dass besonders in Niederpampahasi viele Kinder keinen Schulplatz hatten. 1980 schließlich wird auf Betreiben von Lehrern der Schule "24. Juni" eine zweite Schule errichtet, nämlich die DELIA GAMBARTE DE QUEZADA (zur Erinnerung an eine bollivianische Professorin, die sich um das bolivianische Bildungssystem verdient gemacht hat), die zunächst ihren Betrieb in drei gemieteten Räumen ohne Mobiliar und mit drei unterbezahlten Lehrern in einer Einzelwohnung aufnimmt. Die Entwicklung der Schule DELIA GAMBARTE DE QUEZADA ist eine sehr turbulente:
Die Schule hat einen schweren Anfang und auch danach einen steinernen Weg vor sich. Da der Staat sich in keinster Weise für die Schule einsetzt (weder politisch und schon gar nicht finanziell), muss man zunächst hart um die Genehmigung für den Schulbau kämpfen. Als diese dann endlich nach zwei Jahren erteilt wird, beginnt man mit der Suche nach einem geeigneten Platz. Der Staat stellt keinen Grund zur Verfügung, was nicht aus einem für deutsche Verhältnisse normalen ordentlichen Verwaltungsakt hervorgeht, sondern schlicht aus der Tatsache, dass sich keine Behörde dafür für zuständig erklärt. Genauer genommen existiert ein Grundstück, das der Staat für soziale Zwecke zur Verfügung stellt, wobei dies erst durch ein Verwaltungsverfahren für den Zweck der Schule als "Eigentum der Schule" gewonnen werden muß. Erst später, als eine ehrenamtlich tätige Rechtsanwältin einen Prozeß anstrengt, wird das Land zur Verfügung gestellt, wobei das erst nach einem 20-jährigen Verfahren der Fall ist. Allerdings wird der Schulbetrieb schon 1985 offiziell genehmigt von sämtlichen zuständigen Ministerien im Regierungspalast. Um sich die Rolle des Staates hier noch einmal vor Augen zu führen kann man gut die wahre Geschichte vom Gefängnisaufenthalt des Direktors erzählen:
Die erste Aula der Schule wird schlußendlich auf einem 400 Quadratmeter großen Gelände gebaut, das eine Privatperson aus Niederpampahasi gestiftet hatte. Als dann das Gebäude ein bißchen auf dem Nachbargrundstück steht - Vermessungen haben dort nie stattgefunden! - wird der Direktor verklagt und geht für 24 Stunden ins Gefängnis. Nur aufgrund der Tatsache, dass zu dem Prozess fast das ganze Stadtviertel Pampahasi erscheint, wird der Direktor freigesprochen. Dies zeigt auch die Solidarität und das Engagement der Einwohner Pampahasis, die für eine (gute) Bildung ihrer Kinder kämpfen. Während der Prozess zur Genehmigung des Schulbaus läuft, bildet sich der Kontakt zu der pensionierten Aachener Lehrerin Gertrud Dockhorn, zu einer französischen Nachkriegsorganisation, die sich den Nachkriegsschäden widmete, und der Europäischen Union, die erhebliche finanzielle Hilfe leisteten, was den Bau von Schulgebäuden ermöglichte. Als Kontaktperson dient die deutsche lutherische Gemeinde in La Paz, die die Spendengelder verwaltet und deren Verwendung überwacht.
Als in den Sommerferien 1983 ein Lehrer des Gymnasiums Damme (Herr Bollmann) in La Paz weilte, wurde er mit der katastrophalen Situation der Schule konfrontiert, was ihn zu der Vorstellung des Projekts Pampahasi auf einer Konferenz bewegte. Der Erlös eines Schulfestes wurde diesem Projekt zur Verfügung gestellt; weiterhin wollte sich das Gymnasium Damme am Bau einer Mensa beteiligen, die für etwa 100 Schüler/innen zwischen 6 und 16 Jahren eine ausgeglichene Ernährung sicherstellen sollte. Daraus ist schließlich die 1988 beschlossene Partnerschafte des Gymnasiums Damme mit der Schule DELIA GAMBARTE DE QUEZADA entstanden.

4. Der heutige Stand der Schule
Heute gibt es auf einem Schulgelände von rund 7000 Quadratmetern 19 isolierte Klassen-räume, ein Labor mit 6 Mikroskopen, ein Lehrerzimmer, zwei Mehrzweckräume, eine Turnhalle, Trinkbecken, Sanitäranlagen und Grünflächen. Diese haben ausschließlich die Lehrer und die Familien von Pampahasi gebaut, und sie werden auch so gepflegt und unterhalten.
Die 1400 Schüler/innen werden von der ersten Klasse bis zum Schulabschluß in DELIA GAMBARTE betreut, und zwar in zwei Schichten (vormittags und nachmittags), weil sonst nicht alle Kinder unterrichtet werden könnten. Mittlerweile arbeiten vormittags 29 und nachmittags 25 Lehrer/innen an der Schule, und es werden alle Fächer angeboten. Als Fremdsprachen stehen natürlich Englisch und Französisch im Vordergrund, obwohl viele Kinder gerade in den ersten Schuljahren erst einmal spanisch lernen müssen, da der Großteil der Kinder nur Aymara spricht.
Die Schule ist weithin anerkannt und ist mittlerweile von vielen Zeitungen, nationalen und internationalen Organisationen, Schüler/innen und Lehrer/innen besucht worden. Sogar der Staat (Kultusministerium und das Rathaus von La Paz) unterstützten die Schule, indem sie etwas Mobiliar zur Verfügung stellten.

5. Der Comedor Wisllita
Das größtenteils vom Gymnasium Damme unterstützte Projekt des Comedors Wisllita ist eine vielfältige Einrichtung. In erster Linie ist es natürlich eine Mensa, die eine zweimalige Essensausgabe pro Tag an 80 Kinder sicherstellt. Diese zwei Mahlzeiten sind ein Frühstück und ein Mittagessen, die auf eine ausgewogene Ernährung der Kinder abzielen. Es werden nur die bedürftigsten Kinder beköstigt, obwohl es noch viel mehr Kinder gibt, die es nötig hätten. Um herauszufinden, wer denn wirklich bedürftig ist, stattet die Verantwortliche des Projekts, Mercedes Valdivia Kopp, oder ihre Mitarbeiterin zwei-bis dreimal pro Jahr einen Hausbesuch bei den Kindern ab, um sich einen Eindruck von der sozialen Situation zu machen. Der Großteil der beköstigten Kinder sind ausgesetzte und von zu Hause vertriebene Kinder.
Weiterhin beherbergt das Gebäude des Comedors noch weitere Projekte, die Mercedes Valdivia Kopp ins Leben gerufen hat. Diese sind eine Nachhilfeeinrichtung - besonders für Mathematik - ein Kindergarten für 35 Kinder, eine Kunsthandwerkstätte, eine Bibliothek, Jugendprogramme und ein wöchentlich am Samstag stattfindender Info-Tag für Eltern.
Der Nachhilfeunterricht ist eine sinnvolle Einrichtung, da bei den Schüler/innen verstärkt Lern- und Konzentrationsprobleme aufgetreten sind, die ihre Ursache in der Tatsache haben, dass viele Eltern auf der Suche nach Arbeit nach Argentinien oder Brasilien auswandern und ihre Kinder zurückgelassen haben. Außerdem werden die Kinder vor Aufgaben gestellt, mit denen sie vorher noch nie konfrontiert waren, was vor allem Konzentrationsprobleme als auch Verständnisprobleme nach sich zieht (man stelle sich hier Kinder von 16 Jahren vor, die noch nie etwas von Schule gehört haben!). Der Schwerpunkt der Nachhilfe liegt auf der Mathematik, weshalb dort auch eigens ein Mathematik-Lehrer beschäftigt ist.
Der Kindergarten hat 35 Plätze und betreut Kinder bis zu 5 Jahren, die danach eingeschult werden. Die Notwendigkeit ergibt sich wiederum aus der traurig hohen Anzahl von alleingelassenen Kindern, deren Eltern entweder ausgewandert sind oder aber den ganzen Tag arbeiten und sich nicht um ihre Kinder kümmern können.
In der Kunsthandwerkstätte werden vor allem Kalender und Jutetaschen mit Motiven von vom Aussterben bedrohten Tieren hergestellt, die dann auch auf Baseren der Partnerschule in Deutschland verkauft werden, um Spendengelder zu beschaffen. Natürlich dient sie auch der sinnvollen Beschäftigung der Kindergartenkinder.
Die Bibliothek ist erst kürzlich entstanden und hat schon jetzt einen Bestand von etwa 2000 Büchern, der ständig wächst. Angegliedert ist ein kleiner Lesesaal, wo die Schüler/innen ihre Hausaufgaben machen können.
Die zahlreichen Jugendprogramme und die regelmäßigen Informationsveranstaltungen für die Eltern dienen der Erziehungshilfe. Pampahasi ist nun einmal ein Elendsviertel mit all seinen dunklen Seiten: Akloholismus, Drogenmißbrauch, hohe Kriminalität, Vergewaltigungen und Mißhandlungen sind alltägliche Erscheinungen. Frau Valdivia Kopp erzählte mir, dass die Männer sich fast jeden Freitag hoffnungslos betrinken, wonach es dann oft zu Mißhandlungen und Vergewaltigungen der eigenen Frauen und Kinder komme. Hinzu kommt, dass viele Eltern einfach nicht wissen, wie sie ihre Kinder erziehen sollen. All diese Probleme versucht man mit diesen Programmen und Informations-Veranstaltungen in den Griff zu bekommen. Besonders das Bewußtsein der Eltern für die Bedeutung des Schulbesuchs für eine aussichtsreiche Zukunft der Kinder soll geschärft werden.

6. Stellungnahme
Ich persönlich war von dem, was ich gesehen habe, wirklich beeindruckt. Man muß sich vorstellen, dass die Eltern und Lehrer/innen in einem seit nunmehr zwanzig Jahre andauernden Prozeß mit minimalen finanziellen Mitteln - teilweise gegen den Staat - es geschafft haben, all die eben beschriebenen Einrichtungen zu errichten und zu unterhalten, um ihre Kinder aus dem Sog der Armut zu befreien und ihnen eine lebenswerte Zukunft zu ermöglichen. Beeindruckend finde ich auch das Engagement des Gymnasiums Damme und der Bolivien-AG, die durch ihre Aktionen und Spendengelder - zusammen mit anderen Einrichtungen - erst die Möglichkeit für den Bau des Comedors und der Schule geschaffen haben. Dies verdient außerordentliche Anerkennung.


Jan-Dirk Kleine Holthaus