Eindrücke von einer Reise nach Bolivien 2002

Eine kleine Gruppe der Bolivien-Arbeitsgemeinschaft des Gymnasiums Damme bestehend aus 3 Schülerinnen der Klassenstufe 12 unter der Leitung von Oberstudienrätin Sigrid Litzenburger verbrachte die erste Hälfte der großen Ferien in Bolivien. Erstes Ziel war es, das vom Gymnasium Damme unterstützte Projekt, den Comedor escolar Wisllita in Pampahasi, einem Armenviertel von La Paz, kennenzulernen. Daneben bleib aber auch etwas Zeit, sich die Umgebung von La Paz ein bißchen genauer anzusehen und einen Eindruck zu bekommen von einem kleinen Teil des riesigen Landes (Bolivien ist mit knapp 1.1 Millionen Quadratkilometern Fläche etwa drei mal so groß wie die Bundesrepublik Deutschland).

Schon der Flug von Sao Paulo/Brasilien quer über den Kontinent ermöglichte bei ziemlich klarem Wetter die Sicht auf wechselnde Landschaften: Regenwald, Feuchtsavanne, Yungas, Altiplano und schließlich die beeindruckende Kette der Königskordillere, derern höchste Gipfel, alle über 6 000 Meter hoch, schneebedeckt und majestätisch alles überragen. Der Anflug auf den Flughafen von La Paz, (auf 4 100 Metern Höhe der höchste Flughafen der Welt), verlangt wegen dieser Bergkette dem Piloten sicherlich höchste Konzentration und Präzision ab.

La Paz, die heimliche Hauptstadt Boliviens, (offiziell gebührt Sucre dieser Titel), ist eine Stadt der Gegensätze:
Zwischen der Siedlung Pampahasi, oben auf den Alto gelegen, und den Villen-Stadtteilen San Miguel oder Zona Sur liegen etwa 1000 Meter Höhenunterschied. Das macht bis zu 12 Grad Temperaturunterschied aus. Unten gibt es swimming pools in den gepflegten Gärten, die Sonne ist angenehm und lädt zum Sonnenbaden ein – oben ist die Luft dünn und kalt, die Vegetationsgrenze ist überschritten, der Boden ist karg und steinig und die Sonne brennt.
Die Mitglieder der Oberschicht, die in den Villenvierteln wohnen, beschäftigen Kindermädchen, Hausmädchen und Gärtner; sie besitzen teure Autos und können sich Luxus und Komfort leisten – die indigene Bevölkerung auf dem Alto lebt in winzigen Häuschen an ungepflasterten, staubigen Straßen ohne fließendes Wasser und ohne Kanalisation.
Unten befinden sich die teuren Hotels wie das Sheraton, glitzernde Autosalons, teure Boutiquen (wie in allen großen Städten der Welt) und die Souvenirläden für die Touristen –
wenn man die Straßen weiter nach oben steigt, verändert sich das Warenangebot: Bewohner des Altiplano bieten landwirtschaftliche Produkte (Kartoffeln, Gemüse, Obst, Kokablätter) an, aus Eimern wird Tee verkauft, denn die dünne Luft macht sehr schnell eine trockene Kehle, und auf dem Hexenmarkt wird allerlei Skurriles angeboten: Glücksbringer, Talismane, Kräuter und getrocknete Lamaföten; diese sollen – auf dem Bauplatz unter der Hausmauer vergraben – Unglück fernhalten.
Auffällig „bunt“ ist auch die Menschenmenge in der Stadt: neben der Kolonie deutscher Emigranten, die eine eigene Schule und ihre eigene deutschsprachige evangelische Kirchengemeinde hat, gibt es Nachkommen der spanischen Conquistadores (Eroberer) und Einwanderer aus Asien, besonders aus Taiwan und Hongkong, einen sehr hohen Anteil an indigener Bevölkerung, deren unterschiedliche Herkunft deutlich sichtbar ist, und eine große Gruppe an Mischbevölkerung, z.B. die Mestizen, eine Vermischung von Spaniern und Indianerinnen während der Kolonialzeit. Viele der Marktfrauen sind „Cholitas“, so werden die weiblichen Nachkommen dieser Vermischung genannt. Diese unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen tradieren auch unterschiedliche Lebensstile und Kulturen. Deutlich werden die Gegensätze hier z.B. in der Kleidung: die Cholitas tragen ihre „pollera“, das ist ein stufiger Faltenrock mit Unterröcken (deren Anzahl den Wohlstand der Trägerin anzeigt), eine „mantilla“, d.h. ein Schultertuch, „Zapatillas“, übersetzt „kleine Schühchen“ und natürlich einen Hut in der Form der „Bowler hats“ der englischen gentlemen. Mit der gleichen Selbstverständlichkeit werden Jeans und T-Shirt getragen, oder auch europäische Designer-Mode. Ein zweiter Bereich, in dem die unterschiedlichen Kulturen offensichtlich werden, ist die Architektur: europäische Stile, z.B. in der San Francisco-Kirche mit ihrer reich verzierten Außenfassade und der barocken Innenausschmückung, ein schönes Beispiel kolonialer Baukunst. Die Calle Jaen ist eine renovierte und zum Teil nachgebaute Gasse im typischen Kolonialstil. In der City, am sogenannten „Prado“, der Hauptstraße, finden sich Geschäftshochhäuser wie sie in jeder Großstadt der Welt zu sehen sind. Und in den ärmeren Vierteln der höhergelegenen Stadtteile stehen die winzigen, aus ungebrannten, handgemachten Ziegeln erbauten Häuschen, wie man sie auch auf dem Land überall findet.
Am Stadtrand produziert die Natur ein interessantes Gebilde, von den Einheimischen „das Mondtal“ genannt. Diese Landschaft ist das Ergebnis der Erosion von Schutt- und Geröllmassen, die in geologischen Zeiträumen von den hohen Bergen herabgespült und zusammengepresst wurden. Da es sich um unterschiedliche Gesteine handelt, haben sie Wind und Wasser auch unterschiedlich standgehalten, und so ist ein System von Höhlen, unterirdischen Wasserabflüssen, Schluchten und Bergspitzen entstanden, auf dem außer Kakteen kaum eine Pflanze überleben kann. Der Erosionsprozess geht ständig weiter, so dass die Mondlandschaft nach jeder Regenzeit ein neues Gesicht hat.

Unvergeßlich sind auch die Eindrücke von einem Ausflug zum Titicacasee im Norden des Landes, an der peruanischen Grenze. Auf der Höhe von über 3 800 Metern gelegen ist er mit einer Größe von etwa 8 500 Quadratkilometern der größte schiffbare Binnensee der Welt. Das klare Wasser und der herrliche Blick auf die schneebedeckten 6000er Gipfel der Königskordillere lassen schnell erahnen, warum dieser See den Inkas heilig war. Der Sage nach begann auf der größten Insel im See, der Sonneninsel, die menschliche Kultur als Manco Kapac und Mama Ocllo von der göttlichen Sonne auf diese Insel herabstiegen und den Menschen, die bis dahin wie Tiere gelebt hatten, Ackerbau, Handwerk, Kunst und Wissenschaft gebracht haben. Hier sprudelt auch die Quelle ewiger Jugend, und viele Touristen kommen zu einem Tagesausflug hierher um nach steilem Aufstieg über eine lange Treppe das klare Wasser dieser Quelle zu genießen.
Dass diese Insel, auf der es bis heute keine Straßen und keine Fahrzeuge gibt, in der Inka-Kultur eine wichtige Rolle gespielt hat, sieht man an der Nordseite an den Resten einer Siedlung oder den Ruinen des Sommerpaöastes des Inka. Von der Anhöhe hat man einen wunderbaren Blick auf die kleinere Mondinsel, auf der während der Inka-Herrschaft Prinzessinnen und potentielle Ehefrauen der Herrscher isoliert von der Außenwelt erzogen und auf ihre späteren Aufgaben vorbereitet wurden.

Bolivianer schwören Stein und Bein, dass ihr Copacabana, am Ufer des Titicacasees gelegen, das eigentliche und ursprüngliche Copacabana ist und dass die Brasilianer den Namen für ihr Touristenzentrum nur geklaut haben. Und wer den mühsamen, steinigen Aufstieg zur „horca del Inca“ (Inkagalgen) gewagt hat, glaubt ihnen, denn auch hier zeigen sich Erinnerungen an große Kulturen vor der Zeit der spanischen Eroberung. Copacabana ist ein bedeutender Wallfahrtsort, nicht nur für Brasilianer, sondern für die Menschen aus der weiten Umgebung.
Der schwarzen Madonna von Copacabana (im 16. Jahrhundert von einem Indio geschnitzt) werden zahlreiche Wundertaten zugeschrieben, wie die vielen Votivtafeln in der Gnadenkapelle belegen. Nicht weit von der Kirche befindet sich direkt am Seeufer der sogenannte Kalvarienberg. Menschen pilgern betend hinauf, manche rutschen sogar auf den Knien, um symbolisch ein Stückchen Grund im Himmel zu erwerben.

Warum der Marco Polo Reiseführer schreibt:“Bolivien ist ein Abenteuerland – eines der letzten echten.“ verstanden wir auf unserem Ausflug in die Yungas – den tropischen Nebelwald zwischen den Abhängen der Kordielleren und dem tropischen Regenwald der großen Flußtäler weiter östlich. Schon der Anstieg auf den Cumbre-Paß (4 650 Meter) bietet atemberaubende Blicke auf Täler, Flüsse und Stauseen, aber unvorstellbar ist der nicht enden wollende Steilabstieg auf der anderen Seite: die Teerstraße endet, und ein etwas breiterer Pfad, den wahrscheinlich die Einheimischen mit ihren Lamas oder Eseln ausgetreten haben, windet sich in Kurven und Serpentinen um die Berge. Nach wenigen Kilometern ändert sich die Vegetation – die Steine und das Gras der Hochebene verschwinden, statt dessen sattes Grün und dichtes Buschwerk. Carlos, der Fahrer unseres Jeep wußte, was da an Anstrengungen und Gefahren auf ihn zukommt und hatte deshalb vor der Christusstatue am Cumbre eine Flasche Weihwasser auf Auto und Erde gesprengt – hätten wir es gewußt, hätten wir Angst gehabt und wären vielleicht nicht losgefahren! Die „Straße“ ist teilweise in fast senkrechte Felswände eingehauen, die Abgründe, die sich an unserer linken Seite auftun, rauben uns den Atem – bis zu 300 Metern tief geht es senkrecht hinab! Von rechts kommen Wasserfälle die Felswände herab und scheinen den Weg zu unterspülen. Vor jeder Kurve hupt Carlos, um eventuellen Gegenverkehr zu warnen, denn zwei Fahrzeuge passen hier beim besten Willen nicht nebeneinander. Mehrmals muss Carlos zurückfahren, um an einer Ausweichstelle einen vollbesetzten Bus, einen hoch bepackten LKW oder andere Fahrzeuge vorbeizulassen. In der Nähe eines Wasserfalls ist eine Gruppe von Männern mit Seilen dabei, in die Schlucht hinabzusteigen und Carlos sagt, da sei ein LKW abgestürzt, und sein Tonfall impliziert, dass das nicht selten passiert. Ein paar Kilometer weiter ist ein riesiger Erdrutsch; zwar ist die Strecke freigeräumt, aber die ganze Zeit sehen wir Geröll nach unten rutschen und Steine springen über die „Straße“. Einer trifft auch unseren Jeep, aber zum Glück ist es kein sehr großer und er fällt auf die Holzlattung des Daches! Je tiefer wir kommen, um so üppiger wird die Vegetation: es wachsen Bananen, Orangen, Ananas und Kaffee, und Carlos macht uns auf Koka-Plantagen aufmerksam. An einem Haus der Protest der Koka-Bauern gegen das Verbot des Koka-Anbaus: „Koka oder Tod!“ Ihre Interessen werden in den Parlamentswahlen vertreten durch den Präsidentschaftskandidaten Evo Morales. Sein Erfolg zeigt, dass die Beschränkungen beim Koka-Anbau und von den USA unterstützte Alternativ-Programme von den Bauern nicht angenommen werden.
Das Ziel unseres Ausflugs ist Coroico, der Hauptort der Nordyungas. Tiefes Durchatmen, als wir nach kanpp 2 Stunden Abenteuer pur dort ankommen. Aber wir genießen mitten im bolivianischen Winter und nach einer Pause in Schnee und Eis das warme Klima der Yungas am Pool des Hotels! Abends und morgens sieht man, warum die Region „Nebelwald“ heißt:
die von den Regenwaldgebieten aufsteigende Feuchtigkeit kondensiert hier und führt regelmäßig zu Nebel und Wolken, die an den Bergen aufsteigen.

Spannend für einen Einblick in die Entwicklung der vor-kolonialen Kultur Boliviens war ein Besuch der Ausgrabungen von Tiwanaku, wo sich ab dem 6. Jahrhundert vor Christus eine bedeutende Hochkultur entwickelte. Noch sind sich die Archäologen nicht einig über die Bedeutung der Anlage, auf der sich die Reste einer riesigen siebenstufigen Pyramide befinden, so wie die Überbleibsel eines Sonnen- und eines Mondtempels. Beeindruckend ist auch ein halb unterirdischer Tempel, dessen Fries aus Sandsteinköpfen die unterschiedlichen Völker symbolisieren könnte, die zum Einflussbereich der Herrschaft gehörten. Wo die zum Teil riesigen Monolithen ursprünglich standen, die wohl alle Gottheiten darstellen, gehört ebenso zu den noch ungelösten Rätseln der Archäologie. Grund für die vielen offenen Fragen ist hauptsächlich die Tatsache, dass die Anlage von Tiwanaku während der Inka-Kultur und auch später von den Spaniern als Steinbruch benutzt wurde für die Errichtung eigener Bauwerke, so dass die Anlage weitestgehend zerstört wurde. Ob es sich also hier um das politische Zentrum eines großen Reiches handelte oder um eine religiöse Kultstätte bleibt weiter ungeklärt. Im angrenzenden Museum gibt es zahlreiche Zeugnisse kultureller und wissenschaftlicher Entwicklungen, von denen die Schädelknochen überraschen die eindeutig beweisen, dass Operationen am Gehirn durchgeführt wurden, die die Menschen auch überlebten!

Die Begegnung mit Land und Leuten in Bolivien hat mannigfache Eindrücke hinterlassen. Eine davon ist die Erkenntnis, dass die spanischen Eroberer hier eine blühende Kultur zerstörten und dass die wirtschaftlich schlechte Situation der indigenen Bevölkerung gewaltiger Anstrengungen auf dem Gebiet der Erziehung und Bildung bedarf. Auf einem Plakat mit Indiokindern war folgender Text zu lesen: Der Friede ist kein Ziel, das zufällig erreicht wird. Er ist das Ergebnis der Gleichheit aller Menschen.