Comedor escolar Wisllita – Partnerprojekt des Gymnasiums Damme 2002

„Mensa oder Speisesaal der Schule“, so könnte man das spanische „comedor escolar“ übersetzen, und das zeigt auch gleich eine der wichtigsten Aufgaben dieser Einrichtung: hier werden täglich 80 Kinder der Schule „Delia Gambarte de Quezada“ im armen Stadtteil Pampahasi mit zwei Mahlzeiten versorgt: in den Genuss dieser Schulspeisung kommen nur Kinder, von deren Bedürftigkeit sich die Leiterin, Mercedes Kopp de Valdivia, selbst durch Besuche bei den Familien überzeugt hat. Oft sind es auch ausgesetzte oder von zu Hause vertriebene Kinder, die hier beköstigt werden. Sie bekommen Frühstück und Mittagessen, damit sie eine regelmäßige und ausgewogene Ernährung bekommen. Das ist wichtig, weil Fehl- und Mangelernährung sich nicht nur auf die körperliche Entwicklung auswirken, sondern auch die Lernfähigkeit drastisch reduzieren. Ziel der Schulspeisung ist es also, den Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit zu geben, durch Schulbildung ihre Lebenssituation und Lebensqualität zu verbessern.

Neben der Schulküche und dem Speisesaal beherbergt das Gebäude noch weitere Projekte, in denen Kinder und Jugendliche betreut werden:

Da ist zunächst eine Möglichkeit, Hausaufgaben zu erledigen – denn das ist in den winzigen Häusern in Pampahasi – die oft nur aus einem einzigen Raum für die gesamte Familie bestehen – meist nicht möglich. Die Erledigung der Hausaufgaben wird auch betreut, und es gibt sogar die Möglichkeit zusätzlicher Hilfen. Dafür steht z.B. ein Mathematiklehrer den Kindern zur Verfügung. Diese Hilfen sind in der sozialen Situation der Familien besonders wichtig, denn häufig ist wenigstens ein Elternteil auf der Suche nach Arbeit von zu Hause weggegangen, und der zurückgebliebene Elternteil, normalerweise die Mutter, muss die Familie durchbringen, und auch die Kinder müssen mitarbeiten. Dazu kommen Lernschwierigkeiten und Konzentrationsprobleme, die oft durch Mangelernährung im Kleinkindalter hervorgerufen sind. Nicht zu vergessen die Familien, die im Zuge der Landflucht neu in die Stadt kommen und deren Kinder teilweise mit 15 Jahren zum ersten Mal eine Schule von innen sehen! Mercedes Kopp versucht diesen Kindern eine Zukunft zu geben durch die Hilfen, die sie hier bekommen. In diesem Zusammenhang muss auch die Bibliothek erwähnt werden – die einzige im gesamten Gebiet von Pampahasi und El Alto, zusammengenommen mittlerweile eine eigene Millionenstadt. Sie ist zwar für unsere Verhältnisse winzig klein, aber sie ist der ganze Stolz von Wisllita, denn sie bietet die Möglichkeit, auch eigenständig zu arbeiten, zu lernen und durch Bildung die eigene Situation zu verbessern.

Weiterhin beherbergt das Gebäude einen Kindergarten, in dem 35 Kinder auf die Schule vorbereitet werden. Sie werden hier nicht nur „aufbewahrt“, sondern es gibt ein Programm, nach dem sie gefördert werden: sie lernen Lieder und Gedichte, malen und puzzeln, tanzen und treiben Sport – ihre motorischen und kognitiven Fähigkeiten sollen so entwickelt werden, dass sie später in der Schule problemlos mitarbeiten können. Frau Kopp möchte den Kindergarten gerne erweitern, weil viele Kinder auf der Straße leben. Ihnen möchte sie auch die Möglichkeit eröffnen, durch Bildung ein besseres Leben zu erreichen. Allerdings lassen weder die räumlichen noch die finanziellen Verhältnisse eine solche Erweiterung zu.
Eine wichtige Rolle spielt im Kindergarten, aber auch in der Schule, die Hygiene. Die häuslichen Verhältnisse sind oft katastrophal, was Infektionen und Krankheiten zur Folge hat. Deshalb sollen die Kindfer lernen, dass Sauberkeit und Hygiene die erste Voraussetzung für Gesundheit sind. In den Klassenräumen hängen „Hygienebeutel“: jedes Kind hat dort seine Zahnbürste, Zahnpasta, ein Stück Seife und ein kleines Handtuch.

Der Speisesaal wird außerhalb der Mahlzeiten genutzt als Kunsthandwerkstätte: hier wird genäht, gebastelt und gemalt. Die Kinder nähen in Handarbeit kleine Patchworkmotive auf Tücher, auf die dann später ein Kalendarium gedruckt wird. Diese Kalender werden zur Finanzierung der Arbeit verkauft. In diesem Jahr wird die Bolivien-Arbeitsgemeinschaft sie auf dem Dammer Weihnachtsmarkt verkaufen, ebenso wie die Stofftaschen, auf die die Kinder in bunten Farben vom Aussterben bedrohte Tierarten gemalt haben. Im Speisesaal hängen selbst gebastelte bunte Mobiles, im Kindergarten spielen die Kleinen mit selbst hergestellten Spielzeugen, im Unterricht werden hier erstellte Materialien benutzt – man sieht, die Kunsthandwerkstätte ist nicht nur ein Beschäftigungsprogramm für die Kinder, die ist wichtiger integraler Bestandteil der gesamten Arbeit in Schule und Kindergarten.

Dann gibt es so etwas wie einen „Jugendtreff“ in den Räumen des Comedors. Hier versuchen die Mitarbeiter/innen Sozialarbeit und Präventionsarbeit zu leisten, in dem sie die Jugendlichen von der Straße holen und in dem sie mit ihnen arbeiten und die Gefahren von Sucht und Kriminalität aufzeigen. Im Elendsviertel Pampahasi gehören Alkoholismus, Drogenmißbrauch und Kriminalität zur Tagesordnung. Ohne Perspektive für ihre eigene Zukunft ist die Jugend eine fast sichere Beute der Sucht. Diesen Teufelskreis der Armut zu durchbrechen gehört zu den Zielen der Arbeit von Mercedes Kopp de Valdivia. Den Kindern und Jugendlichen Perspektiven zu geben, ihnen Schulbildung und Hilfen anzubieten, damit sie sich selbst aus der Situation der Armut befreien können, das liegt ihr und ihren Mitarbeiter/innen im Comedor am Herzen.

Obwohl der Schwerpunkt der Arbeit im Comedor bei Kindern und Jugendlichen liegt, ist es auch wichtig, die Eltern anzusprechen. Im Comedor finden regelmäßig jeden Samstag Informationen und Gespräche für und mit Eltern statt. Denn sie müssen ihre Kinder unterstützen, sie müssen die Bemühungen der Schule unterstützen, ohne ihre Mithilfe können die angestrebten Veränderungen, vor allem in der Einstellung zur Bedeutung von Schulbildung, nicht erreicht werden.

Der Comedor escolar Wisllita ist also nicht eine Armenküche, die mit unseren Spenden arme Kinder durchfüttert, er ist eine Einrichtung, die sich Hilfe zur Selbsthilfe auf die Fahne geschrieben hat.

Die Schülerinnen der Bolivien-Arbeitsgemeinschaft am Gymnasium Damme, die dieses Projekt jetzt in den Ferien besucht haben, waren beeindruckt von der Arbeit, die dort geleistet wird. Sie werden weiter zur Unterstützung des Comedors arbeiten.